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Münster (upm/kk).
Eine grafische Illustraion in weiß und verschiedenen Blautönen zeigt drei Windräder, Wald und Fledermäuse.<address>© AdobeStock - Dmitry Kovalchuk</address>
Fledermäuse können durch die Rotorblätter von Windenergieanlagen verletzt oder getötet werden.
© AdobeStock - Dmitry Kovalchuk

„Klima- und Biodiversitätsschutz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“

Sascha Buchholz spricht am Beispiel der Fledermaus über die Herausforderungen des Naturschutzes und des Ausbaus erneuerbarer Energien

Die Energiewende und ihre Auswirkungen auf die Artenvielfalt werden oft kontrovers und emotional diskutiert. Das muss nicht sein, meint Prof. Dr. Sascha Buchholz. Er leitet die Arbeitsgruppe Tierökologie am Institut für Landschaftsökologie der Universität Münster und forscht unter anderem zu räumlichen und zeitlichen Veränderungen der Biodiversität. Dabei hat er ein breites Spektrum verschiedener Tier- und Pflanzenarten im Blick. Kathrin Kottke sprach mit ihm am Beispiel des Fledermausschutzes darüber, wie die Herausforderungen des Natur- und Artenschutzes mit dem Ausbau erneuerbarer Energien in Einklang gebracht werden können.

Warum sind Windkraftanlagen eine Gefahr für Fledermäuse?

Fledermäuse fliegen häufig in Höhen, in denen sich die Rotorblätter von Windenergieanlagen drehen. Deshalb besteht die Gefahr, dass sie mit diesen kollidieren und verletzt oder getötet werden. Außerdem reagieren Fledermäuse sehr empfindlich auf Druckveränderungen. Die schnelle Rotation der Rotorblätter erzeugt einen Unterdruck, der die Lungen der Fledermäuse schädigen kann. Durch den Bau von Windkraftanlagen wird der Lebensraum von Fledermäusen zerstört oder beeinträchtigt. Dadurch können ihre Jagd- und Fortpflanzungsgebiete gestört werden.

Porträtbild vom Kopf und dem Oberkörper von Prof. Dr. Sascha Buchholz<address>© Uni MS - Lukas Walbaum</address>
Prof. Dr. Sascha Buchholz
© Uni MS - Lukas Walbaum
Bis 2045 will Deutschland klimaneutral werden. Der Ausbau erneuerbarer Energien spielt dabei eine wichtige Rolle. Naturschützerinnen und Naturschützer befürchten, dass dabei viele Tier- und Pflanzenarten auf der Strecke bleiben. Teilen Sie diese Sorge?

Der Verzicht auf fossile Energieträger setzt die flächenmäßige Nutzung alternativer Energiequellen voraus. Zum Beispiel der Ausbau von Wind-, Solar- und Bioenergie. Dafür werden oft sehr große Flächen an Land oder auf dem Wasser benötigt. Dies hat häufig negative Auswirkungen auf Flora und Fauna und auf die sogenannten Ökosystemleistungen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Fledermäuse leisten entscheidende Beiträge für das Gleichgewicht vieler Ökosysteme: Sie sind zum Beispiel effektive Insektenfresser und tragen zur Kontrolle von Insektenpopulationen bei – eine ökologische Schädlingsbekämpfung. Wenn ein großer Windpark gebaut wird, verschwinden diese Ökosystemleistungen und mit ihnen die biologische Vielfalt.

…also entweder Windmühle oder Fledermaus, um es auf den Punkt zu bringen?

Natürlich brauchen wir eine naturverträgliche Energiewende. Sie darf aber nicht zum Abbau ökologischer Schutzstandards führen. Auf der anderen Seite darf der Schutz einer einzelnen Art nicht immer im Widerspruch zu wichtigen Klimaschutzmaßnahmen stehen. Wir dürfen Klimaschutz und Biodiversität nicht gegeneinander ausspielen.

Ein echtes Dilemma. Wie kommt man da raus?

Das geltende Planungsrecht ist in seiner Anwendung recht starr. Ab bestimmten Windgeschwindigkeiten müssen Windenergieanlagen abgeschaltet werden, um Kollisionen mit Fledermäusen zu vermeiden. Statt den gesamten Windpark lahm zu legen, könnten intelligente Abschaltalgorithmen den Windpark so steuern, dass nur die Anlagen abgeschaltet werden, die tatsächlich eine Gefahr für die Tiere darstellen – etwa, weil sie sich direkt in den Flugkorridoren oder Jagdgebieten der Fledermäuse befinden. In einem neuen Forschungsprojekt werden diese Technologien erprobt und ausgewertet.

Inwieweit ist Ihre Arbeitsgruppe daran beteiligt?

In einem Windpark in Niedersachsen sammeln wir Schlagopfer von Fledermäusen. Drei Monate lang erheben Studierende in den frühen Morgenstunden, bevor Füchse oder Krähen die toten Tiere fressen, wie hoch die Mortalitätsrate tatsächlich ist. Zudem wird über den gesamten Zeitraum die Fledermausaktivität an den Anlagen automatisch erfasst, sodass wir anschließend wissen, wo die Tiere im Windpark besonders häufig sind und inwiefern ein intelligenter Abschaltalgorithmus die Bedürfnisse des Artenschutzes und der Energiegewinnung noch besser vereinen kann. Denn darüber gibt es kaum Daten.

Die Kommunikation der Ergebnisse ist sicherlich ein wichtiger Erfolgsfaktor, um das Spannungsfeld zwischen Windenergie und Artenschutz zu reduzieren...

Der Transfer von Evidenz in die Öffentlichkeit ist sehr wichtig – sowohl für konkrete Planungsschritte als auch, um hitzige Debatten zu entschärfen und stattdessen faktenbasiert zu diskutieren. Vor einigen Jahren haben wir zum Beispiel untersucht, ob Monokulturen geeignete Standorte für Windkraftanlagen sind, weil sie, so die Annahme, weniger vielfältig und ökologisch wertvoll sind als naturnahe Laub- und Mischlaubwälder. Für die Fledermausfauna können wir dies nicht bestätigen.

Wieso nicht?

Wir haben in Deutschland ein Langzeitmonitoring der Fledermausaktivität in verschiedenen Waldgebieten durchgeführt und diese Wälder hinsichtlich Artenreichtum, Fledermausaktivität und Artenzusammensetzung verglichen. Unser Fazit war, dass die Artenzusammensetzung nicht vom Waldtyp abhängt und dass auch vermeintlich ökologisch wertlose Forstplantagen, wie ein Kiefernforst, eine hohe Vielfalt an Fledermausarten aufweisen. Aus ökologischer Perspektive sind Monokulturen für den Ausbau der Windenergie also nicht per se gerechtfertigt. Hier muss ein Umdenken stattfinden.

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