Münzen des Monats

April 2025
© Robert Dylka

Rom auf die Palme bringen

Mittelgroße Bronzemünze aus Judäa, ca. 134/135 n. Chr.

AE; 9,37 g; 24 mm; Stempelstellung 12 h

Av.: (paleo-hebr.) „Shim’on“. Dattelpalme mit sieben Wedeln sowie zwei Fruchtständen l. und r. im Feld; Perlkreis

Rv.: (paleo-hebr.) „Für die Freiheit Jerusalems“ (Lesart von innen gegen den Uhrzeigersinn, beginnend ab 5 h). Weinblatt im Feld; Perlkreis

Sammlung des Archäologischen Museums der Universität Münster, Inv.-Nr. M 1527

Referenz: Mildenberg 1984, Nr. 118 (IV B 3); Meshorer et al. 2013, 235 Nr. 141–144; Trugenberger 2024, 286 f. Nr. 129 (dieses Stück)

 

Im Sommer des Jahres 132 n. Chr. „überfiel“ den römischen Kaiser Hadrian in der Provinz Judäa ein Problem. Einer Gruppe jüdischer Rebellen um ihren Anführer namens Simon gelang es, die Legion X Fretensis überraschend anzugreifen und beinahe zu halbieren. Der römische Legat Quintus Tineius Rufus schaffte es nicht, den Aufstand frühzeitig zurückzudrängen – aus ihm wurde ein dreieinhalbjähriger Guerillakrieg. Erst als Hadrian den erfahrenen Sextus Julius Severus 133 aus Britannien nach Judäa sandte, wendete sich das Kriegsglück für die Römer und der Aufstand wurde unter großen Verlusten im Sommer 135 endgültig niedergeschlagen.

Trotz der zermürbenden Kampfhandlungen gaben die judäischen Rebellen über die gesamte Dauer des Aufstandes in dem von ihnen kontrollieren Gebiet eine große Menge selbstgeprägter Münzen aus. Dieser Vorgang ist in der Geschichte des Römischen Reiches nahezu einmalig. Bemerkenswert ist außerdem, dass es sich bei diesem „rebel coinage“ (Mildenberg 1984, 59) ausnahmslos um Überprägungen anderer Münzen handelt. Die Rebellen, die eine rudimentäre Administration aufbauten, zogen in großer Zahl Münzen aus dem Verkehr. Dabei handelte es sich um römische Denare und Tetradrachmen aus Silber sowie um Bronzemünzen aus lokalen Prägestätten vorwiegend von Askalon und Gaza. Statt sie wieder einzuschmelzen, hämmerte man die Silbermünzen ohne großen Materialverlust flach; die Bronzemünzen wurden kurzerhand abgefeilt, sodass die ursprüngliche Prägung meist unkenntlich ist.

Insgesamt lassen sich zwei Silber- und vier Bronzeeinheiten (davon zwei mittlere) bestimmen, deren Prägungen den drei Aufstandsjahren zugeordnet werden können. So tragen die ersten Münzen auf dem Revers die Legende „Jahr eins für die Befreiung Israels“, die aus dem zweiten Jahr „Jahr zwei für die Freiheit Israels“. Undatierte Münzen mit der Legende „Für die Freiheit Jerusalems“ – wie sie oben zu sehen ist – werden von der Forschung in das letzte Aufstandsjahr datiert. In Kombination mit der Dattelpalme und dem Weinblatt ist das eine der häufigsten Prägungen (Mildenberg IV B 3). Neben dem Prinzip „Masse statt Klasse“, nach dem die Aufständischen offenbar vorgingen, beanspruchte das Überprägen im kalten Zustand nicht nur die Münzen, sondern auch die Stempel stark. Sie wurden verwendet, bis sie brachen und besonders im Falle der Oberstempel mussten ständig neue geschnitten werden. Diesen Umstand hat sich der Numismatiker Leo Mildenberg zunutze gemacht, der 1984 erstmals eine nahezu vollständige Katalogisierung der Münzen dieses Aufstandes veröffentlichte. Anhand der zunehmenden Brüchigkeit der Stempel gelang es ihm, eine beinahe lückenlose Chronologie der Prägungen vorzulegen.

Mit Blick auf den zeit- und ressourcenintensiven Aufwand der Rebellen stellt sich die Frage: Wozu der Aufwand? Und zunächst: Wozu der Aufstand? Ausgehend von (vor allem) rabbinischen Quellen hielt man den Aufstand um Simon lange Zeit für den Aufstieg und Fall einer Messiasfigur, die nach der Katastrophe des Jahres 70 – Jerusalem mitsamt Tempel wurde zerstört und endgültig Rom unterworfen – die Stunde der endzeitlichen Erlösung Israels gekommen sah. Simon wird im Jerusalemer Talmud der aramäische Beiname „bar kochba“ (dt. Sternensohn) zugeschrieben und so mit der messianischen Weissagung eines „Sterns aus Jakob“ (vgl. Num 24,17) in Verbindung gebracht. Das messianische (Selbst-)Verständnis schien durch sternenartige Symbole auf einigen überprägten Münzen bestätigt zu werden.

Seit dem Fund eines wohl authentischen Briefes in der Judäischen Wüste gibt es allerdings guten Grund, die messianische Deutung der Ereignisse in Zweifel zu ziehen. Auch auf den Münzen wird er zunächst „Shim’on, der Prinz Israels“ (ein säkularer Titel), dann wie auf der vorliegenden Münze schlicht „Shim’on“ genannt. Der vermeintliche Stern auf den Münzen stellte sich indes bei näherer Betrachtung als Rosette heraus.

Dass ein „messianischer Bar-Kochba-Aufstand“ also eher rabbinische und kirchenväterliche Legendenbildung ist, bedeutet allerdings nicht, dass die Geschehnisse keine religiöse Dimension hätten. Als wahrscheinlichster Auslöser der Revolte gilt die Gründung Aelia Capitolinas auf den Trümmern Jerusalems (und des Tempels!) um 129/130 n. Chr. Diese Vereinnahmung des religiösen Zentrums sowie ein reichsweites Beschneidungsverbot waren Teil der Bestrebungen Hadrians, die Region (weiter) römisch-hellenistisch werden zu lassen. Für einige in Judäa, wo die Situation bis dahin recht ruhig und wirtschaftlich stabil war, brachte es wohl das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen.

Anhand unserer Münze des Monats lässt sich zeigen, wie die „Erzählung“ der Aufständischen lautete. Das Motiv des Weinblattes auf dem Revers ist zunächst einmal recht unspektakulär und auf Münzen aller Aufstandsjahre zu finden. Während manche auch hier eine religiöse Bedeutung – das Volk Israel als Weinberg des HERRN (vgl. Jes 5,7) – vermuten, ist nicht minder plausibel, dass schlicht Judäa als fruchtbares Weinbaugebiet gemeint ist. Dass die umlaufende Legende „Für die Freiheit Jerusalems“ im dritten Aufstandsjahr augenscheinlich einer Reduktion der früheren „Slogans“ gleichkommt, wirft Fragen auf. Entweder wollten die Verantwortliche schlicht Platz sparen oder aber sie sahen sich in der letzten Phase des Aufstandes dazu genötigt, sich nur noch auf Jerusalem zu konzentrieren. Dabei die Jahre zu zählen, könnte als schlechtes Omen begriffen worden sein.

Aufsehenerregender als der Inhalt der hebräischen Legenden ist, dass sie in paleo-hebräischer Schrift gefertigt sind. Zwar gab es im 2. Jh. n. Chr. noch genügend hebräisch Sprechende, die alten Keilschriftzeichen waren jedoch längst von der (bis heute verwendeten) Quadratschrift abgelöst worden und daher nahezu ausgestorben. Auch die ohnehin schon eher ungeübten Handwerker, die die Stempel fertigten, hatten sichtlich Mühe mit der Schrift: Auf vielen Münzen sind Buchstaben merkwürdig verdreht, vertauscht oder – wie hier auf dem Revers zu erkennen – weit verstreut. Dass man sich trotzdem dazu entschied, kann nur als Wunsch nach einer Renaissance vermeintlich glorreicher, vor allem unabhängiger Zeiten Judäas verstanden werden. Jüdische Münzen mit paleo-hebräischer Schrift waren zuvor von den Hasmonäern (1. Jh. v. Chr.) und den Akteuren des Ersten Aufstandes (66–70 n. Chr.) geprägt worden. Selbst wer nicht lesen konnte, was auf den Münzen stand, verstand wohl den Appell an das Nationalgefühl.

Auch das Motiv der Dattelpalme hat eine komplexe Vorgeschichte: Zuvor wird Judäa nämlich auf römischen Münzen mit Dattelpalmen assoziiert. Zum einen war die Pflanze schlicht ein bekanntes, weil ökonomisch wertvolles Gewächs der Region. Zum anderen legen diese Münzen nahe, dass das Symbol eine machtpolitische Konnotation hat. Besonders prägnant steht die Palme für Judäa im Falle der „Iudaea capta“-Münzen, die nach dem Ende des Ersten Aufstandes (70 n. Chr.) von Vespasian ausgegeben wurden. Die Palme verweist hier nicht einfach auf Judäa, sondern auf das unterworfene Judäa. Jetzt, im Zweiten Aufstand, wurde das Motiv wiederangeeignet. Axel Graupner bezeichnet diesen Vorgang mit Eckart Otto als „Phänomen der subversiven Rezeption“ (Graupner 2025, 370). Es sei Ziel gewesen, „den Besatzern das Symbol ihrer Herrschaft bewusst zu entwinden“ (ebd.).

Entwunden haben die Aufständischen den Römern, so muss man festhalten, nicht nur das Motiv, sondern gleich die ganze Münze. Wie man keine zweite Währung in Umlauf brachte, so wollte man in Judäa keine zweite Kraft neben Rom werden – es galt vielmehr sie zu ersetzen. Der römische Herrschaftsanspruch wurde abgefeilt; kein Kaiser, sondern Simon sollte Münzherr und „Fürst Israels“ sein. Nicht auf Latein oder Griechisch, sondern in der Sprache vergangener Zeiten versprachen die Aufständischen „Freiheit“ und „Erlösung“ für das Land der Weinstöcke und Dattelpalmen. Dieses Ansinnen – ob nun von messianischer Hoffnung oder nationalistischem Eifer geleitet – scheiterte in einem aussichtslosen Abnutzungskampf gegen die Truppen Hadrians.

Unsere Münze des Monats illustriert, wie sich Machtansprüche von Kaisern und Rebellen in der Antike in kaum einem Medium so wirksam materialisieren wie in Münzen.

(Aaron Seibel, Teilnehmer der Herbstschule 2024)

 

Weiterführende Literatur

  • A. Graupner, Die Palme auf jüdischen Münzen, in: M. Oeming – Y. Gadot – Y. Shalev (Hrsg.), Jerusalem in archäologischer, historischer und theologischer Perspektive, Bonner Biblische Beiträge 192 (Göttingen 2025)
  • D. Jacobson, Insights on the Bar Kokhba Revolt from the Coins, Electrum 29, 2022, 171–196, doi: 10.4467/20800909EL.22.012.15782
  • Y. Meshorer – G. Bijovsky – W. Fischer-Bossert, Coins of the Holy Land I–II, Ancient coins in North American collections 8 (New York 2013)
  • L. Mildenberg, The Coinage of the Bar Kokhba War, Typos VI (Aarau 1984)
  • M. Mor, The Second Jewish Revolt, The Brill Reference Library of Judaism 50 (Leiden – Boston 2016)
  • J. Trugenberger, Für die Freiheit Jerusalems, in: A. Lichtenberger – H.-H. Nieswandt (Hrsg.), Lieblingsstücke. Antike Kostbarkeiten aus dem Archäologischen Museum der Universität Münster (Oppenheim 2024) 286 f.