Cantate à André Masson
(1977/1979)
Vorstellung des Werkes
Die Cantate à André Masson von Louis Aragon, datiert von Juni 1977, besteht aus elf Texten in Versen oder poetischer Prosa, die das Werk Les Amants célèbres von André Masson begleiten, das 1979 im Berliner Propyläen-Verlag veröffentlicht wurde. Es handelt sich um ein Werk, das in einem Schuber vierundzwanzig nicht gebundene Seiten im Format 500 x 330 umfaßt sowie zehn Bildtafeln mit farbigen Original-Eaux-fortes von André Masson. Die Folge der Graphiken hat eine Auflage von einhundertsechzig Exemplaren, von denen siebzig Exemplare, von 1 bis 70 numeriert, vom Künstler signiert sind.
Die Eaux-fortes von André Masson feiern zehn legendäre Liebespaare: Ruth und Booz, Joseph und die Frau des Putiphar, Pyramus und Thisbe, Rinaldo und Armida, Samson und Dalila, Daphnis und Chloe, Hero und Leander, Philemon und Baucis, Siegfried und Brünnhilde, Odysseus und Circe.
Charakterisierung des Werkes
Aragon war seit Beginn der zwanziger Jahre mit André Masson freundschaftlich verbunden; er widmete ihm Le Paysan de Paris und ließ sich von ihm Le Con d'Irène illustrieren. Nun wendet er sich an seinen Freund wie an einen Gesprächspartner und setzt sich mit dessen "zehn Bildern der Liebe" auseinander, um sie sehr frei und persönlich zu "kommentieren": er verweist auf gewisse Details, die ihm auffallen, er hebt gewisse Elemente der Geschichte der jeweiligen Liebenden hervor, wendet sich aber vor allem an seine eigene Phantasiewelt, evoziert alte und neue Obsessionen, die ihm bei der Betrachtung der Graphiken wieder einfallen: die Auflösung des Paares durch den Tod Elsas 1970 ("Sieben Jahre Seit sieben Jahren schweigt alles"), das problematische Überleben des geliebten Menschen, vergebliche Versuche des Vergessens. die Todeserwartung, Erinnerungen an surrealistische Freunde, bisher unveröffentlichte Kindheitserinnerungen, Bemerkungen über die Poesie (im engen und im weiten Sinn) , über die Wörter, über das Gedicht, das er gerade schreibt, Fragen über das "Geheimnis der Bilder" des Malers, die für den Dichter eine Sprache bilden, deren
"geheimnisvolles [...] Wörtergemurmel" er "zu überraschen"
versucht und um das er seinen Freund beneidet:
"Ah wenn ich in meiner Kehle die Wörter deiner Farben hätte Aber ich finde in ihr nur mehr die unserer Schmerzen" oder
"O du mein Freund mein Meister dessen Seltsames Schreiben das ohne Wörter auskommt ich beneide".
Entsprechend dem Thema der Stiche sind Aragons Texte von einer gebändigten Erotik durchzogen wie z.B. im zweiten Gesang, der Frau Putiphar gewidmet ist und ihrer Enttäuschung und ihrem Kummer, von Joseph verschmäht worden zu sein. Die Graphik, die die Geschichte von Samson und Dalila darstellt, erweckt in Aragon die Erinnerung an seinen ersten Opernbesuch als Siebenjähriger; es wurde eben gerade "Samson und Dalila" von Saint-Saëns aufgeführt ("la / Musique de Cinq-Sens" schreibt er mit einem dieser Wortspiele, wie er sie liebt, die aber den Wörtern einen zusätzlichen Sinn verleihen; hier etwa "die Musik aller fünf Sinne"). Diese Oper hinterließ bei ihm die Furcht, man könnte ihm heimlich seine langen Kinderhaare abschneiden:
"Ich zitterte mein ganzes Leben lang bei gewissen Gesängen imaginärer Matronen [...] Und ihre Schere mäht immer noch meinen Kopf".
An das Gedicht Mussets auf die große Sängerin Malibran erinnernd, huldigt er schwungvoll der Sängerin Félia Litvine (geboren 1861):
"Diese höllische Blondheit mit ihrer göttlichen Stimme Mutter jeden Verrats ihre fellatiohafte Schönheit [...] Ich war nur das verlorene Kind deiner Liebkosungen Ich war noch keine zehn Jahre und du machtest mir Angst [...] Ich fürchtete dich zu lieben vor dem richtigen Alter Und dein Fleisch ließ mich zittern wie beim Losfliegen Ein aus der Bahn gebrachter Vogel[...]".
Der in poetischer Prosa verfaßte Text auf Siegfried und Brünnhilde preist die "Schönheit" des Inzests und "die Gewalt der Liebe in der der Keim immer wieder seine Rechtfertigung im Paar (der Kopulation) der Gleichen findet". Eingeleitet von einem "Irreführenden Vorwort", endet die Cantate à André Masson mit einem "Nach-Wort", das bei einer Grundidee des Romans La Défense de l'infini aus den zwanziger Jahren anzuknöpfen scheint:
"Das Bordel ist nicht am Ende Überall entstehen Babylons [...] Aus der Mode gekommen Ist die Sexparty aus den Anfängen des Jahrhunderts Jetzt stürzen sich millionenhaft Männer und Frauen gleichzeitig aufeinander [...]".
Die Cantate à André Masson ist nach Form und Inhalt - eine tragische Weltsicht, die nur von der Liebe erhellt wird - ein typischer Text des alten Aragon. Unseres Wissens ist es das letzte Gedicht, das er verfaßt hat. Es bildet den Endpunkt einer ganzen Reihe von Gedichten, die er auf Maler geschrieben hat: Fernand Léger, Marc Chagall, Paul Klee, Pablo Picasso.
Ausgaben des Werkes
Nach seiner Veröffentlichung in der Originalausgabe (siehe oben) wurde der Text in folgende Gedichtsammlungen Aragons aufgenommen:
- Écrits sur l'art moderne, Flammarion, 1981, p. 348-363 (mit der Schwarz-Weiß-Wiedergabe von vier Eaux-fortes und der farbigen Wiedergabe einer Eau-forte)
- Les Adieux, Temps Actuels / Stock, 1982, p. 188-204 (hier fehlt der Titel des Vorwortes "Irreführendes Vorwort zu zehn Bildern der Liebe")
- L'OEuvre poétique, 2e édition, t. 7, livre XV, Livre Club Diderot, 1990, p. 693-716 (mit sechs Anmerkungen von Édouard Ruiz, dem wir auch die genaue Beschreibung der Originalausgabe verdanken).
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