Neues Teilprojekt „Belonging then and now“ gestartet

Neues Vorhaben macht Erkenntnisse aus den Bittschreiben jüdischer Menschen an den Vatikan gezielt für die Anti-Antisemitismus-Erziehung und politische Bildung nutzbar

Zentrale Fragen der Zugehörigkeit in den Bittschreiben jüdischer Verfolgter an den Vatikan analysieren und das Ringen um Identität für gegenwartsbezogene Bildungsprojekte nutzbar machen: Das ist das Ziel des neu gestarteten Drittmittelprojekts am Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte.  Es baut auf der Auszeichnung und Bearbeitung der Bittschreiben im Projekt „Asking the Pope for Help“ auf und wird für fünf Jahre mit 600.000 Euro von der Alfred Landecker Foundation finanziert.

Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf und sein Team haben in den Vatikanischen Archiven die Bestände zum Pontifikat Pius’ XII systematisch durchsucht und dabei circa 10.000 Bittschreiben jüdischer Menschen identifiziert. In diesen Schreiben drücken diese ihre tiefste Not aus, bitten um Hilfe oder formulieren Appelle an den Papst und die Römische Kurie. Dabei thematisieren sie auch ihre Lebenssituationen, ihre Zugehörigkeiten oder den ihnen aufgezwungenen Status. Diese Selbst- und Fremdzuschreibungen fallen unter das breit gefächerte Forschungsparadigma Belonging. In dem nun gestarteten Teilprojekt soll der Aspekt des Belonging in den Bittschreiben an Papst Pius XII. und den zugehörigen Dokumenten genauer untersucht und für didaktische Fragestellungen aufbereitet werden.

Jana Haack und Christian Middendorf
Jana Haack und Christian Middendorf
© Uni MS - Johannes Wulf

Der primär in den Politikwissenschaften und der Soziologie verwendete Begriff Belonging, der zum einen ein System von Zugehörigkeit beschreibt, zum anderen aber auch mit Ausgrenzung und sogar Gewalt verbunden sein kann, hat für die Zeit der Shoah eine besondere Bedeutung. Die Dramatik der Frage des Belongings in dieser Zeit und in diesem Kontext wiegt schwer und wird in den Bittschreiben immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise zum Ausdruck gebracht. Etwa, wenn Menschen jüdischer Herkunft ihre Lebenssituationen oder ihr oft von außen festgelegtes Belonging schildern – das den Grund für ihre Verfolgungssituation und Notlage darstellt.

Um die Selbstbeschreibungen und Fremdzuschreibungen in den Bittschreiben und zugehörigen Dokumenten genauer zu untersuchen und dabei die Vielfalt und Komplexität jüdischer Zugehörigkeiten herauszustellen, werden beispielhafte Schicksale mit Quellen aus staatlichen oder ortskirchlichen Archiven ausrecherchiert. Diesen historisch-theologischen Teil übernimmt Christian Middendorf. Die Kommunikationswissenschaftlerin Jana Haack wird sich den Umsetzungen des historisch-theologisch erarbeiten Materials in gegenwartsbezogene digitale Bildungsformate wie zum Beispiel Digital-Storytelling und Graphic Novels widmen.

Über die Projektwebsite werden diese Formate in die universitäre Lehre, die Lehrkräfteausbildung und andere Einsatzbereiche verbreitet. Parallel erfolgt die Evaluation der Bildungsmaterialien in Bezug auf ihre Wirksamkeit. Die gemessenen Einstellungen und das Wissen zur Shoah vor und nach der Nutzung geben Aufschluss darüber, ob und unter welchen Umständen Bildungsmaterialien einen Einfluss auf Themenkomplexe wie Demokratieförderung, Reflexion von Selbst- und Fremdwahrnehmung oder Erinnerung an die Shoah haben. Die Erkenntnisse fließen zudem in die Weiterentwicklung des Materials und dienen dazu, übergreifende Einblicke für den Einsatz historischer Quellen in der politischen Bildung zu gewinnen, was angesichts eines grassierenden Antisemitismus, gerade unter jungen Menschen (vgl. etwa die Umfrage des Jüdischen Weltkongresses in Deutschland, der zufolge jeder Dritte der 18-29-Jährigen antisemitisch denkt) von großer Bedeutung ist.

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