Arzneipflanze des Jahres 2025 – Die Schafgarbe (Achillea millefolium L. s. l.)
Sabine Glasl-Tazreiter*, Verena Spiegler**, Lars Krüger**, Matthias Lechtenberg**, Andreas Hensel**
* Universität Wien, Division of Pharmacognosy
** Universität Münster, Institut für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie

Die Arzneipflanze des Jahres wird traditionsgemäß durch den Studienkreis der Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde in Würzburg gekürt. Für 2025 ist dies die Schafgarbe, eine seit Jahrhunderten im europäischen Arzneischatz verankerte Pflanze, die aber in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund gerückt ist. Typische traditionelle Bezeichnungen für die Pflanze sind z. B. Achilleskraut, Bauchwehkraut oder Jungfrauenkraut.
Das arzneilich verwendete Schafgarbenkraut (Millefolii herba) besteht aus den ganzen oder geschnittenen, getrockneten, blühenden Triebspitzen von Achillea millefolium L. Die für pharmazeutische Zwecke eingesetzte Droge ist in der aktuellen 11. Auflage des Europäischen Arzneibuches (EuAB) monographiert, was bedeutet, dass die notwendigen Qualitätsnormen und die hierzu geforderten analytischen Untersuchungsmethoden sehr detailliert auf europäisch verbindlicher Ebene festgehalten sind. Die entsprechende Arzneibuchmonographie bezieht sich auf Sicherstellung der Identität des Drogenmaterials (makroskopische und mikroskopische Prüfung, Dünnschichtchromatographie), Reinheitsprüfungen auf fremde Bestandteile (Trocknungsverlust, Aschegehalt, etc.) und Gehaltsbestimmung des wertbestimmenden ätherischen Öls (mind. 0,2 %) und der Proazulene (mind. 0,02% berechnet als Chamazulen). Diese Qualitätsspezifikationen stellen sicher, dass für die Verwendung von Schafgarbenkraut in Arzneimitteln nur hochwertiges Material verwendet wird. Somit besitzt Schafgarbenkraut, das den Qualitätsanforderungen der EuAB-Monographie entspricht, Arzneimittelqualität und kann als solches in Verkehr gebracht werden – zum Beispiel durch die Apotheken. Dies steht im Gegensatz zu anderen Schafgarbenprodukten z. B. in Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln, für die diese Qualitätsnormen nicht gelten. Solche Ware entspricht nicht diesen Spezifikationen und besitzt daher keinen Arzneimittelstatus, wenngleich manche Präparate durch gesundheitsbezogene Angaben dies vermuten lassen.
Botanische Beschreibung
Die Schafgarbe (Achillea spp., Asteraceae) ist eine komplexe Pflanzengattung, die in Europa, Asien und Nordamerika verbreitet ist. Sie kann bis zu 80 cm hoch werden und wächst auf verschiedenen Standorten wie Fettwiesen, Äckern, Wegrändern, Brachland und Schutt. Ihre charakteristischen Merkmale sind die mehrfach fiederschnittigen Blätter und die trugdoldig angeordneten Blütenkörbchen mit vielen Röhrenblüten und meist 5 weißen bis rötlich weiße Zungenblüten.
Die Artbezeichnung „Achillea millefolium L.“ bezieht sich einerseits auf ein sogenanntes “Aggregat“, das sich aus einer ganzen Reihe schwer unterscheidbarer Arten („Kleinarten“) zusammensetzt. Sie unterscheiden sich in ihrer Morphologie, Cytogenetik und Chemie und umfassen verschiedene Sippen mit unterschiedlicher Chromosomenzahl (di-, tetra-, hexa- und oktaploid). Andererseits kann sich die Bezeichnung „Achillea millefolium L.“ auf eine distinkte hexaploide Art beziehen, die jedoch frei von Proazulen ist und daher keine arzneibuchkonforme Droge liefert. Diese Art wird taxonomisch korrekt mit dem Zusatz "s. l." (sensu latiore - im weiteren Sinne) gekennzeichnet und findet ebenso wie die oben genannten Arten Verwendung als Arzneidroge. Als Proazulen-führende Arten kommen unter anderem Achillea asplenifolia, A. roseo-alba, und A. collina in Frage.
Die Droge, die aus der Schafgarbe gewonnen wird, stammt hauptsächlich aus Wildsammlungen in osteuropäischen Ländern. Dementsprechend heterogen präsentiert sich dieses Material. Daneben werden Proazulen-reiche Sippen wie zum Beispiel A. collina kultiviert. Der Großhandel bezieht aus unterschiedlichen Quellen und stellt die vom EuAB geforderte Qualität durch Verschnitt der unterschiedlichen Arten sicher. Demnach besteht die im Handel befindliche Arzneiware aus einem Gemisch von Proazulen-führenden und Proazulen-freien Sippen, sodass die Gehaltsbestimmungsprüfung von Proazulen von großer Bedeutung ist.

Inhaltsstoffe
Ätherisches Öl (0,1 bis 1,4 %) mit Mono- (Pinen, Sabinen, 1,8-Cineol, Campher) und Sesquiterpenen (β-Caryophyllen, Germacren D). Zu beachten ist, dass die exakte Zusammensetzung des ätherischen Öls stark vom morphologischen Typ bestimmt wird. Die hohe Variabilität in Bezug auf die Zusammensetzung des ätherischen Öls gibt daher Anlass zur Bildung von sogenannten Chemotypen. Spezielle Vertreter von Sesquiterpenlactonen sind durch die sogenannten Proazulene (Guaianolid-Derivate) vertreten, wobei das Achillicin diesbezüglich als Leitsubstanz angesehen wird. Das Proazulengemisch ist komplex zusammengesetzt und besteht neben dem Achillicin noch aus vielen weiteren, sehr ähnlich aufgebauten, aber strukturell leicht abgewandelten Guaianolidlactonen. Diese genuin farblosen Verbindungen weisen große strukturelle Ähnlichkeit zu den Proazulenen der Kamille auf, sind labil gegenüber Wärme, Licht und Säure und werden leicht in das blau gefärbte Chamazulen umgewandelt. Es ist erwähnenswert, dass der Bittergeschmack der Scharfgarbe durch die Sesquiterpene bzw. Sesquiterpenlactone bestimmt wird, der aromatische Geruch dagegen eher über die Monoterpenfraktion charakterisiert ist.
Neben dem ätherischen Öl finden sich ferner Flavonoide (0,3 bis 1 %), Cumarine und Phenolcarbonsäuren (z.B. unterschiedliche Caffeoylchinasäuren) sowie Polyacetylene (Ponticaepoxid, Matricariaester) im Schafgarbenkraut.


Anwendung / Wirkung
Krampflösend, antibakteriell, gallentreibend, adstringierend.
Die klinischen Anwendungen von Schafgarbenkraut sind in einer Monographie des HMPC (Herbal Medicinal Product Committee) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zusammengefasst, wobei hier ein sogenannter „traditional use“ bescheinigt wird, also die langjährige dokumentierte sichere Anwendung in den im Folgenden genannten Anwendungsbereichen.
Innerlich können Zubereitungen aus Schafgarbenkraut bei Appetitlosigkeit, zur symptomatischen Behandlung leichter krampfartiger Beschweren im Magen-Darm-Bereich und bei Krämpfen in Zusammenhang mit der Menstruation angewendet werden. Äußerlich werden wässrige bzw. wässrig-alkoholische Zubereitungen aus der Droge zur Behandlung kleiner oberflächlicher Wunden der Haut und Schleimhaut eingesetzt. Die Wirkung der Schafgarbe bei innerlicher und äußerlicher Anwendung ist aufgrund der ähnlichen Inhaltsstoffe mit denen der Kamillenblüten vergleichbar.
Die gallentreibenden Wirkungen werden wahrscheinlich durch die Bitterstoffe (Sesquiterpene) hervorgerufen, während die krampflösenden Effekte eher auf die Flavonoidfraktion zurückzuführen sind. Flavonoidhaltige Extrakte der Droge zeigten spasmolytische Effekte an isolierten Kaninchendünndärmen, was möglicherweise auf die Anwesenheit von Apigenin- und Luteolin-O-Glykosiden zurückzuführen ist. Darüber hinaus wurden choleretische und antihepatotoxische Eigenschaften der Droge nachgewiesen. Wässrige Drogenextrakte zeigten auch eine antibiotische Wirkung gegenüber verschiedenen Bakterien. Studien haben gezeigt, dass die in der Droge enthaltenen Sesquiterpenlactone und Proazulene antiinflammatorische und antibakterielle Effekte haben.
Somit interagiert das Schafgarbenkraut im Sinne einer pleiotropen Wirkung mit verschiedenen Angriffspunkten im Organismus. Zugrunde liegt ein Zusammenspiel unterschiedlicher Inhaltsstoffe, welche einander ergänzen (synergistische Wirkung) bzw. verstärken (additive Wirkung).
Die Droge wird in verschiedenen Indikationen eingesetzt, darunter leichte krampfartige gastrointestinale Beschwerden, Entzündungen, Diarrhö und Flatulenz. Sie wird auch als Cholagogum und Amarum aromaticum zur Appetitanregung verwendet. Extern wird die Droge aufgrund ihrer antibakteriellen und adstringierenden Eigenschaften bei entzündlichen Haut- und Schleimhauterkrankungen eingesetzt. Sitzbäder können zur Lösung psychovegetativer Krampfzustände im kleinen Becken der Frau angewendet werden.
Hinweis: Im Falle bestehender Allergien gegen Korbblütler können bei äußerlicher Anwendung juckende Hautveränderungen mit Bläschenbildung (Schafgarben-Dermatitis) auftreten.
Anwendung: Droge: 3 bis 4-mal täglich 2 – 4 g als Teeinfus; Sitzbäder: 100 g Droge / 20 g Wasser. Im Handel finden sich auch Präparate die Frischpflanzenpresssaft enthalten, Tinkturen oder orale Darreichungsformen mit konzentrierten Trockenextrakten. Die Anwendung von Arzneimitteln wird empfohlen, von Nahrungsergänzungsmitteln wird auf Grund häufig vorkommender Qualitätsmängel abgeraten.
Was ist aus der Gartenpraxis zu berichten?
Die Schafgarbe hat ihren Ursprung in den eurasischen Regionen sowie in Nord- und Mittelamerika. Inzwischen hat sie sich als Neophyt auch in Südamerika, Australien, Neuseeland und Hawaii etabliert. Diese vielfältige Pflanze besiedelt Wiesen und Weiden, Halbtrockenrasen sowie Acker- und Wegränder und bevorzugt nährstoffreiche Böden, weshalb sie als Stickstoffzeigerpflanze gilt.
Als Pionierpflanze erschließt die Schafgarbe neue Flächen durch ihre Eigenschaft als sogenannter „Wurzelkriecher“ und dient zugleich als Bodenfestiger. Ihre weißlichen Rhizome wachsen knapp unter der Erdoberfläche und bringen neben fertilen Trieben auch sterile hervor. Die „kriechende“ Eigenschaft kann jedoch auch unerwünscht sein, insbesondere wenn die Schafgarbe in heimischen Staudenbeeten auftaucht. Aufgrund ihrer kräftigen Rhizome ist es schwierig, sie einfach auszureißen; stattdessen erfordert ihre Entfernung den Einsatz einer Grabegabel.
Inzwischen hat die Schafgarbe auch Einzug in die Staudengärtnereien gehalten und wird dort in einem breiten Farbspektrum von Rot, Orange bis hin zu Gelbtönen angeboten.
Trivia
Der Name „Schafgarbe“ leitet sich einerseits vom altdeutschen Wort „garwe“ ab, das „gesund machen“ bedeutet, und andererseits von der Vorliebe der Schafe, die ihre Blätter auf einer neuen Weide begeistert fressen.
Einer der zahlreichen volkstümlichen Namen der Schafgarbe ist "Zimmermannskraut", was auf eine Legende zurückgeführt wird: Als sich der heilige Joseph bei seiner Arbeit als Zimmermann eine blutige Wunde zuzog, kam das heilige Kind und brachte ihm Schafgarbe, um die Blutung zu stillen und die Verletzung zu heilen.
Darüber hinaus wird der Pflanze eine wohltuende Wirkung auf den nächtlichen Schlaf nachgesagt. In Frankreich legten Eltern ihren Kindern Schafgarbenblätter auf die Augen, damit sie leichter einschliefen und von schönen Träumen begleitet wurden.
Auch heiratswillige junge Frauen machten sich diese Eigenschaften zunutze und hofften darauf, im Traum ihren zukünftigen Liebsten zu erblicken…